Ich habe nicht immer gewusst, wer ich bin.
Aber ich habe mich entschieden, es herauszufinden.
Ich erzähle dir das nicht, weil meine Geschichte schön ist.
Ich erzähle sie dir, weil sie erklärt, warum ich heute so arbeite.
Warum ich nicht an schöne Sätze glaube, die kurz beruhigen.
Warum ich Frauen nicht dabei begleite, noch besser zu funktionieren.
Und warum ich weiß, wie es sich anfühlt, sich selbst im eigenen Leben zu verlieren.
Ich habe früh gelernt, stark zu sein. Viel zu früh.
Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem Funktionieren früh überlebenswichtig war.
Meine Mama kannte ich gefühlt kaum gesund. Krankheit, Depression und Krankenhausaufenthalte gehörten zu unserem Leben. Dazu kamen Sucht und Gewalt durch meinen Bruder. Und ein Papa, der oft ohnmächtig & tatenlos danebenstand …
Ich habe früh gelernt, stark zu sein, zu tragen und zu retten. Auch an Stellen, an denen das nie meine Aufgabe war.
Meine Mama war mein Fels. Und gleichzeitig der Mensch, für den ich viel zu früh Verantwortung übernommen habe. Ich wollte sie halten. Ich wollte, dass sie leben will. Und ich habe lange geglaubt, dass es meine Aufgabe ist, genau das irgendwie möglich zu machen.
Dabei habe ich irgendwann aufgehört, einfach Kind zu sein.
Als ich losging, wurde es zum ersten Mal still.
Mit 18 konnte ich zum ersten Mal alleine los.
Rucksack gepackt. Ticket in der Hand. Ab nach Südafrika in die Wildnis.
Später kamen Südostasien und Südamerika dazu.
Es ging nicht nur darum, die Welt zu sehen. Es ging darum, weit weg zu sein.
Und endlich ich sein zu dürfen.
Ohne Verpflichtungen. Ohne Druck. Ohne ein Wochenende, an dem nachts die Polizei vor der Tür steht. Ohne ein Telefon, das klingelt, weil wieder irgendwas ist. Ohne jemanden, der wieder Chaos verbreitet.
In dem Moment, in dem ich in den Flieger gestiegen bin, wurde es still in meinem Kopf. Zum ersten Mal musste ich nichts retten, nichts halten und nichts auffangen.
Es gab nur mich.Ich habe gelernt, dass ich mich auf mich verlassen kann. Dass ich spüren darf, was ich will. Was ich nicht will. Was sich nach mir anfühlt und was nicht. Und ich habe Menschen aus allen Ecken der Welt getroffen, ihre Geschichten gehört und langsam meine eigene verstanden.
Dann kam der Moment, in dem nichts mehr gehalten hat.
Als ich 25 Jahre alt war, war ich in den Semesterferien zu Besuch zu Hause.
Wie immer … eigentlich.
Doch diesmal war es anders. Ich kam die Tür rein und mein Papa saß weinend am Tisch und sagte mir, dass Mama wieder im Krankenhaus ist … und dass es sehr schlecht aussieht. Sie hatten es mir nicht gesagt, wegen meiner Prüfungen.
Ich habe meine Mama über Monate gepflegt, bis zu ihrer letzten Sekunde ... Neben meinem Studium. Und danach … danach stand ich vor den Trümmern von allem, was mich bis dahin irgendwie zusammengehalten hatte.
Ich hatte ihr versprochen, weiterzumachen.
Am Sterbebett meiner Mama musste ich ihr etwas versprechen:
dass ich weitermache.
Sie wusste, dass meine Welt nach ihrem Tod in Trümmern liegt. Sie wusste, wie sehr ich an ihr hing und dass mit ihr nicht nur meine Mama geht, sondern auch der Mensch, an dem ich mich mein Leben lang festgehalten hatte.
Also habe ich es ihr versprochen.
Ich wusste damals nicht, WIE ich dieses Versprechen halten soll. Ich wusste nur, dass ich es gegeben hatte ...
Nach ihrem Tod stand ich vor allem, was plötzlich nicht mehr da war.
Vor der Leere. Vor der Wut. Vor diesem verdammten Gefühl, nicht zu wissen, wohin mit mir.
Und dann gab es diesen Moment auf der Autobahn. 120 km/h.
Und den Gedanken:
Es wäre so einfach, einfach aufzuhören …
Aber da war dieses Versprechen. Und irgendwo in mir noch ein kleiner Rest Leben. Ein kleiner Rest Hoffnung. Vielleicht auch ein Teil von mir, der tief drin noch wusste, dass da mehr sein muss als nur Schmerz, Verlust und Funktionieren.
Ich habe mich für das Leben entschieden.
Nicht, weil ich plötzlich wusste, wie es weitergeht. Ich habe mich entschieden, weil ich ihr versprochen hatte, weiterzumachen. Und irgendwann wurde aus diesem Versprechen nicht mehr nur etwas, das ich für sie halte. Sondern etwas, das ich für mich wollte.
Ich bleibe nicht die Frau, die ein Leben lebt, das andere für sie vorgesehen haben.
Es war hart. Ich habe hingeschaut. Auch dort, wo es weh getan hat. Besonders dort.
Ich habe gesprochen, verarbeitet, geweint, gezittert und wieder neu angefangen.
Stück für Stück habe ich gelernt, mein Leben nicht mehr danach auszurichten, was andere von mir brauchen,
sondern danach, was für mich richtig ist.
Also ging ich nach Indonesien für ein Auslandssemester. Habe mein Studium abgeschlossen. Und irgendwann kam diese Entscheidung:
Alles oder Nichts.
Also bin ich gegangen. In einen Camper. Auf die Straße. In mein Leben.
Was für andere vielleicht verrückt aussah, war für mich die logische Fortsetzung von allem,
was ich schon lange gespürt habe:
Ich komme mir selbst am nächsten, wenn ich wirklich auf mich höre.
Mein Mut Sprung war nicht schön. Er war notwendig.
Daraus ist mein persönlicher Mut Sprung entstanden.
Heute begleite ich Frauen, die sich im Funktionieren verloren haben.
Frauen, die lange stark waren, viel getragen haben und irgendwann merken:
Wegsehen ist keine Option mehr.
Ich kenne diesen Punkt nicht aus Büchern. Ich kenne ihn aus meinem eigenen Leben.
Mit unzähligen Tränen. Mit verzweifelter Wut. Mit Angst und schlaflosen Nächten. Und mit diesem verdammt ehrlichen Moment, in dem klar wird:
So geht es nicht weiter. Ich will das nicht mehr.
Ich hatte vieles lange verstanden. Aber Verstehen allein hat mein Leben nicht verändert.
Erst als ich aufgehört habe, meine Wahrheit wieder kleinzureden, konnte ich Entscheidungen treffen. Nicht irgendwann. Nicht nur im Kopf. Sondern im echten Leben.
Genau deshalb begleite ich Frauen dabei, ehrlich hinzusehen, auszusprechen, was wahr ist, und sich selbst nicht länger auszuweichen.
Ich bin Nina.
Und ich begleite Frauen, die wieder mehr bei sich selbst ankommen wollen.
Nicht irgendwann.
Jetzt.
ECHT. MUTIG. FREI.